Interview im Magazin maschine + werkzeug

Interview in der Oktoberausgabe maschine + werkzeug vom Chefredakteur Dipl.-Phys. Manfred Flohr mit Dipl.-Ing. Sven Rentschler.

maschinewerkzeugHerr Rentschler, was macht die Firma Rentschler REVEN?
Unser Familienunternehmen ist seit 1905 in der und Luftreinigung und Luftreinhaltung tätig. Heute liefern wir in die Lebensmittelindustrie und den Maschinenbau. In beiden Bereichen geht es darum, Partikel, Aerosole und Dämpfe aus der Luft herauszubekommen und sie so von Schadstoffen zu befreien.

In über 100 Jahren hat sich da sicher viel verändert.
Anfangs ging es darum, Holzspäne aus der Luft zu filtern. Filter hatten aber von jeher das Problem, dass sie einen Filterkuchen aufbauen und verstopfen können. In den 1970er-Jahren kamen dann Abscheider auf, zunächst in Form simpler Prallbleche. Von diesen einfachen Platten ausgehend, wurden dann strömungsoptimierte Abscheider entwickelt. Das war allerdings erst mit Computersimulationen möglich. Wir sind heute in der Lage, für verschieden große Partikel die Bahnen im Luftstrom des Abscheiders zu berechnen und sie so sehr effizient herauszuholen.

Was ist hier Stand der Technik?
Bei Schleifmaschinen mit sehr hohen Kühlschmierdrücken und entsprechenden Umdrehungszahlen können die Partikel beispielsweise so klein werden, dass man eigentlich nicht mehr von Partikeln sprechen kann, sondern das ist ein Dampf. Das geht dann in den Molekularbereich in der Größenordnung von 0,001 Mikrometer. Mit modularen Zusatzgeräten bekommt man das aber auch in den Griff.

Ist technisch denn alles möglich?
Ja, mit entsprechendem Aufwand geht alles. Am oberen Ende der Skala haben wir beispielsweise unsere Venturi-Anlagen, die speziell für Erodieranwendungen konzipiert wurden. Die Technik wird auch in OP-Sälen eingesetzt.

In der Fertigung aber wohl eher nicht?
Genau das ist unser Problem. Wir produzieren hier hochwertige Technologie, haben es aber mitunter schwer, sie an den Mann zu bringen, weil in vielen Fällen die vorhandenen Grenzwerte auch mit relativ primitiven Lösungen einzuhalten sind.

Wo liegen diese Grenzwerte?
Wir haben absurd hohe Grenzwerte für Feinstaub am Arbeitsplatz. Über die Feinstaubbelastung der Außenluft wird seit Jahren diskutiert. Verkehr und Industrie stehen dabei im Brennpunkt. Unter Feinstaub versteht man die Masse aller im Gesamtstaub enthaltenen Partikel mit einem Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer. Bei hoher Konzentration treten verstärkt Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen auf, stellen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation fest. Zum Schutz der Gesundheit haben die Behörden konsequenterweise Grenzwerte für die Außenluft festgelegt: Europaweit gilt seit 2005 ein einheitlicher Tagesgrenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Schlepptau dieser Verordnung entstand unter anderem das Plakettensystem für den innerstädtischen Autoverkehr.

Und welche Grenzwerte gelten am Arbeitsplatz?
Der zulässige Luftgrenzwert liegt bei 10 Milligramm pro Kubikmeter für Kühlschmierstoffdämpfe und -aerosole mit einem Flammpunkt über 100 Grad Celsius, die bei der Bearbeitung von Metallen frei gesetzt werden. Der gleiche Wert gilt auch für Bearbeitungsmaschinen mit einer Minimalmengenschmierung. Das ist das Zweihundertfache des zulässigen Wertes für die Außenluft!

Ist denn Feinstaub gleich Feinstaub?
Der Feinstaub in den Städten ist mit Sicherheit nicht der gleiche wie an einer Bearbeitungsmaschine. Hier geht es nicht um Feinstaub im herkömmlichen Sinne, sondern um Kühlschmierstoff-Partikel, die bei der spanenden Fertigung freiwerden. Diese KSS-Dämpfe und -Aerosole sind hinsichtlich Partikelgrößen und Gefahrenpotential den Feinstaubpartikeln aber sehr ähnlich. Mit weniger als 10 Mikrometer Durchmesser gelangen die KSS-Partikel über die Lunge in den Blutkreislauf und sind daher besonders gesundheitsschädlich. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass im Außenbereich schon bei 50 Mikrogramm zu einer über Studien nachgewiesenen messbaren Verringerung der Lebenserwartung kommt, während man dem Mann an der Bearbeitungsmaschine das 200fache zumutet. Das passt nicht zusammen.

Besteht das Gesundheitsrisiko nur direkt an der Maschine?
Nein. Bei der Metallbearbeitung wird die Hallenluft oft abgesaugt, gereinigt und dann wieder in die Halle zurückgeführt. Viele dieser Anlagen erreichen erfahrungsgemäß eine Filterleistung von kaum zwei Milligramm KSS-Dämpfe und -Aerosole pro Kubikmeter gereinigter Luft. Das liegt immer noch vierzig Mal über dem zulässigen Wert für die Außenluft, was man Fabrikarbeitern da zumutet. Berufsgenossenschaften und Verbände sollten sich schleunigst dieses Themas annehmen und das Regelwerk auf einen vernünftigen Stand bringen.

Sie nehmen in Betrieben auch Partikelmessungen vor. Wie sind da Ihre Erkenntnisse?
Man findet da die komplette Bandbreite. Vom fast schon klinisch sauberen Fertigungsbetrieb bis hin zu Fabriken, in denen selbst der Grenzwert von 10 Milligramm noch weit überschritten wird. Die Bearbeitungsmaschinen sind zwar mit den CE-Label versehen, können aber dennoch ohne einen wirksamen Filter in Betrieb genommen werden, den viele Maschinenhersteller nur optional anbieten. Für mich ist das unbegreiflich.

Gibt es auch positive Beispiele?
Die gibt es durchaus. Mehr und mehr setzen sich Konzerne ihre eigenen Standards, die sie dann weltweit anwenden. Volkswagen beispielsweise hat in seinen Fertigungsstätten ein sehr hohes Niveau, was die Luftqualität anbelangt. Auch von GM und Ford weiß ich, dass es hier interne Vorgaben gibt, die viel weiter gehen als die staatlichen Vorschriften.

VITA Sven Rentschler
Dipl.-Ing. Sven Rentschler hat von 1989 bis 1995 Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart studiert. 1995 trat er als Technischer Leiter in das 1905 gegründete Familien Unternehmen Rentschler REVEN GmbH ein. 1998 bis 2008 baute er das Produktprogramm der X-CYCLONE® Luftreiniger für den Maschinenbau auf, mit einem weltweiten Vertriebsnetz. Seit 1998 ist Sven Rentschler Geschäftsführer in der vierten Generation des Familienunternehmens.

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